Drei Leute, ein Truck und der Wald
Steffen Dahnke | eviit
02.06.2026 59 min Thomas Schindler | delodi.net
Zusammenfassung & Show Notes
Steffen Dahnke ist kein typischer IT-Gründer. Er hat Maschinenbau studiert, Mechanik gelernt – und kam über die Programmierung von Fahrzeugteilen zur Softwareentwicklung. Heute führt er eviit mit drei bis vier Leuten, baut Navigations- und ERP-Systeme für die Forst- und Offroad-Branche und testet seine Algorithmen auf dem eigenen Firmen-Truck. Ein Gespräch über radikale Schlankheit, Business-Experimente als Überlebensprinzip und die Frage, warum man nicht die größte Firma bauen muss, um wirklich etwas zu bewegen.
Vom Maschinenbauer zum Softwareunternehmer
Steffen arbeitete sechs Jahre in der IT-Beratung, bevor er eviit gründete. In dieser Zeit sah er Projekte aus den verschiedensten Perspektiven – als Data Engineer, Analyst, Architekt und Product Owner. Dieses Dreiecksgespräch zwischen den Rollen hat ihn geprägt. Der Sprung in die Selbstständigkeit? Weniger dramatisch als gedacht: „Mein Vater hat sich im selben Alter selbstständig gemacht. Er musste Hallen kaufen – ich brauchte 25 Euro für die Anmeldung und 1.000 Euro für ein Notebook."
Schon 2018 mit OpenAI-Beta-Keys experimentiert
Bevor der ChatGPT-Hype losbrach, arbeitete Steffen mit einem NLP-Startup zusammen und testete frühe OpenAI-Modelle. Use Cases wie E-Mail-Tonanalyse, automatische Zuweisungen und Übersetzung in einfache Sprache – alles Dinge, die heute jeder LLM-Chatbot kann. Die Erkenntnis: Man kann auch zu früh am Markt sein. Aber die Erfahrung, dass „da etwas in der Pipeline ist", hat Steffens Blick auf Wertschöpfung nachhaltig verändert.
Business-Experimente als wichtigstes Werkzeug
Steffens zentrales Tool ist kein Tech-Stack, sondern eine Methode: das Business-Experiment. Bevor gebaut wird, muss jemand sagen „Das ist genau, was ich gesucht habe." Konkret: Für die neue B2C-App standen innerhalb einer Woche über 100 zahlungswillige Kunden auf der Warteliste – obwohl vieles noch nicht funktionierte. Umgekehrt gab es Tests, bei denen trotz Ads und Cold Calls nichts zurückkam. Dann wird die Idee beerdigt, auch wenn das Ego wehtut.
Warum eviit bewusst klein bleibt
Steffen wuchs anfangs schnell, verlor aber den Fokus. Die Lektion: Mehr Leute bedeuten mehr Ressourcenhunger, nicht automatisch mehr Wertschöpfung. Sein Gegenbeispiel: Open-Claw wurde für eine Milliarde verkauft – von einer einzigen Person. Nicht die Teamgröße validiert die These, sondern der Markt. Bei eviit arbeiten im Schnitt drei bis vier Leute, unterstützt von LLMs für die Implementierung. Was nicht zum Kern gehört, geht an die Softwareallianz.
Die Forst-Software als trojanisches Pferd
Das Forst-ERP von eviit sieht auf den ersten Blick aus wie ein klassisches Branchentool – Personalplanung, Maschinendaten, Aufträge. Aber die eigentliche Vision ist größer: Die Software sammelt Daten von 20 bis 30 Forstunternehmen. Mit dieser Masse lassen sich Routen optimieren, Leerfahrten vermeiden und ein interner Marktplatz bauen, auf dem alle profitieren. Inspiriert vom Prinzip des Spot-Markts: neutral, gemeinschaftlich, effizienzsteigernd. Jeder Transport kostet 500 Euro – wenn der nächste Auftrag direkt nebenan liegt, fährt die Maschine ohne Zusatzkosten weiter.
Navigation, die souverän bleibt
Das Navigationssystem von eviit ist digital souverän: deutsche Server, deutsches Kartenmaterial, kein Cloud-Zwang, keine Werbung, selbst betriebene Infrastruktur. Die Anwendungsfälle reichen von Feuerwehr-Einsätzen im Wald bis zur Weltreise im Offroad-Fahrzeug. Getestet wird auf dem eigenen Truck – inklusive selbst umgebautem Traktor als Vorläufer-Prototyp aus dem Jahr 2022.
Der Traum: White-Label-OEM für Fahrzeughersteller
Wenn Steffen sich ein Projekt wünschen dürfte, wäre es die Zusammenarbeit mit einem Fahrzeugexpeditions-Hersteller: ein Onboard-System mit eigenen Algorithmen, Karten, Dashcam-Anbindung und LIDAR – als White-Label-Lösung direkt im Fahrzeug. Daneben liebt er die organisatorische Komplexität: bestehende Projektchaos-Situationen analysieren, eine „Landkarte" erstellen und den Kunden orientierungsfähig machen.
Wunsch an die Welt: Frieden und mehr Zufriedenheit
Steffen ist Vater zweier Söhne und wünscht sich vor allem eines: Frieden. Die aktuelle Unsicherheit – Kriege, Ressourcenfragen, wirtschaftliche Volatilität – beschäftigt ihn persönlich. Darüber hinaus wünscht er sich mehr Zufriedenheit bei den einzelnen Menschen und eine ehrliche Auseinandersetzung damit, was Automatisierung für den Einzelnen bedeutet: Wenn die Maschine meinen 8-Stunden-Job übernimmt – was bin ich dann noch für die Gesellschaft?